Exklusiv-Interview mit Professor Müller-Stewens Strategisches Management

Professor Müller-Stewens vom Institut für Betriebswirtschaft der Elite-Universität St. Gallen ist einer der beiden Autoren des neuen Bestsellers der Management-Literatur „Strategisches Management“

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ephorie.de: Herr Professor Müller-Stewens, Ihr Buch „Strategisches Management“ stürmt die Bestsellerlisten der Management-Literatur. Ihm wird das Potenzial zugeschrieben, die amerikanische Dominanz im Bereich der Strategielehre zumindest in Gefahr zu bringen – was ist das Besondere an dem Buch?

Müller-Stewens: Wir freuen uns natürlich über die sehr gute Zusprache die das Buch bereits in so kurzer Zeit gefunden hat. Das Besondere sehen wir (1) in dem Ansatz des „General Management Navigator„, der nicht nur das Buch strukturiert, sondern auch dem Arbeitsprozess der strategisch tätigen Führungskraft zugrunde gelegt werden kann, (2) in dem Fokus auf strategische Initiativen, wodurch der strategischen Planung, die wir nur als eine mögliche Quelle solcher Initiativen betrachten, nicht mehr die dominante Rolle beigemessen wird sowie (3) in der großen Bedeutung, die wir den Themen „Wandel“ und „Performance Messung“ mit eigenen Kapiteln geben.

ephorie.de: Gibt es ein spezifisches „amerikanisches“ bzw. „europäisches“ Management – wenn ja, was kann man voneinander lernen?

Müller-Stewens: Ja, eindeutig. Der Geschäftskontext in den USA ist in wesentlichen Bereichen anders als der in Europa – auch wenn eine gewissen Konvergenz zu beobachten ist und man oft auch mit den gleichen Methoden arbeitet. Z.B. die Anspruchsgruppen am Unternehmen – wie etwa die Aktionäre oder Mitarbeiter -, gegenüber denen ein Unternehmen sich ja strategisch zu positionieren hat, agieren in deutlich unterschiedlich effizienten Märkten (Kapitalmarkt, Arbeitsmarkt etc.) in den USA und in Europa. Oder bei der Strategieentwicklung kommt in den USA dem CEO tendenziell ein deutlich dominantere Rolle zu als in Europa.

ephorie.de: Wie sehen Sie bezogen auf Ihr Buch das Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis im Bereich des Managements?

Müller-Stewens: Wir haben jedes Kapitel mit einem Theorieteil eingeleitet, da wir der Meinung sind, dass reflektive Führungskräfte aus den Fragen, die sich die Forschung stellt, und aus den Erkenntnissen, die bislang gefunden wurden, lernen können und wollen. Erkenntnisse aus der Forschung werden heute in der Praxis jedoch nur sehr begrenzt zur Kenntnis genommen, was man daran erkennt, wenn jemand sein Referat – wie so häufig – mit dem Satz beginnt, dass es zu seinem Thema kaum etwas Publiziertes gibt, aber man selbst spontan Dutzende von interessanten Studien dazu nennen könnte. Die Ursache dafür muss aber auch bei der Wissenschaft gesucht werden, die in ihren Fachjournals in für den Nutzer oft unverständlicher und uneffizienter Form ihre Erkenntnisse darbietet. Wissenschaft und Praxis entfernen sich in ihrer Eigenlogik derzeit voneinander, was ich nicht als gesund betrachte.

ephorie.de: Wenn man sich mit der Thematik näher beschäftigt, fällt einem die Inflation an ständig neuen Management-Konzepten auf. Dienen alle diese dem Erkenntnisgewinn oder lediglich der Profilierung der jeweiligen Autoren und Berater…und verwirren diese damit den Praktiker nicht eher?

Müller-Stewens: Beratung ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass man immer wieder nach neuen Services sucht. Die Unternehmen fragen aber auch danach. Nicht selten wird bei uns angerufen und gefragt, ob wir nicht wieder mal etwas Neues für die nächste Jahresversammlung hätten. Beratungen (und auch Wissenschaftler) geben diese neuen „Tools“ an den Markt für Konzepte und Problemlösungen, wo sie selektiert werden. Einige der Konzepte werden zu Klassikern, andere halten nur einen Sommer. Daran ist aus meiner Sicht nichts verwerfliches. Meist entbehren die Konzepte, die gerade besonders aktuell sind (wie derzeit etwa die Balanced Scorecard), jeglicher empirischer Basis. Man lässt sich als Käufer also auf ein erhebliches Experiment ein, was allerdings auch gut ausgehen kann. Dies sollte man als Käufer und Anwender wissen und bedenken. Wenn Sie z.B. neue Reifen für Ihr Auto kaufen, dann wären Sie zu einem solchen Experiment wohl kaum bereit.

ephorie.de: Welches Management-Konzept hat der Volkswirtschaft Ihrer Meinung eher geschadet…

Müller-Stewens: In toto betrachtet das Business Process Reengineering, auch wenn es hier einige Erfolgsfälle gibt. Ich denke aber, dass man sich zu ausschließlich mit Effizienzfragen beschäftigt und dadurch zuviel an Innovationskraft verloren hat. Eine Konsequenz daraus ist aus meiner Sicht auch, dass sich viele im Wettbewerb zueinander stehende Unternehmen heute nicht mehr signifikant voneinander unterscheiden.

ephorie.de: …und welches Konzept hat sich als besonders gewinnbringend herausgestellt, sozusagen: Ihr Favorit?

Müller-Stewens: Im Prinzip Konzepte, die sehr einfach aufgebaut und einfach in der Anwendung sind; Konzepte die helfen können, die hohe Komplexität heutiger Geschäftssysteme vorübergehend zu reduzieren, um dadurch zu grundlegenden neuen Einsichten z.B. zur zukünftigen Dynamik des Geschäfts zu gelangen. Z.B. die alte SWOT-Analyse kann, richtig eingesetzt, sehr nutzbringend sein. Ein Konzept ist immer nur so gut wie der Prozess, in dem es eingesetzt wird.

ephorie.de: Welcher Trend wird die nächsten Jahre dominieren?

Müller-Stewens: Ich denke, dass es zu einer deutlichen Ausdifferenzierung und Professionalisierung der Führungssysteme kommen wird. Nicht nur die Aktionäre wollen wissen, ob das Management sein Handwerkszeug beherrscht. Schlüssel wird dabei das strategische Prozesswissen sein: Wie kommen wir am besten von einer strategischen Position in eine andere?

ephorie.de: Herr Professor Müller-Stewens, was ist Ihr nächstes Projekt?

Müller-Stewens: Wir wollen ein umfassendes und eng aufeinander abgestimmtes Mehrkanal-Lern- und Arbeitssystem zum Thema Strategie entwickeln. Derzeit arbeiten wir an der 2. Auflage des Buches und an Fallstudien dazu. Ein 22-stündiger Distance-Learning-Kurs in Englisch hat bereits seine ersten internationalen Kunden gefunden. Etwa zum Jahreswechsel wird unser „StrategyLab“ in einer stark überarbeiteten Version vorliegen und dann wohl das weltweit umfassendste Strategie-Web-Portal sein. Wir wollen damit den im Bereich Strategie Tätigen und Lernenden eine Community mit Hunderten von Links zu weiteren Ressourcen bieten. Und auch dazu gibt es dann wieder viele Ausbauideen, so dass es uns kaum langweilig werden wird.

ephorie.de: Herr Professor Müller-Stewens, wir danken Ihnen für dieses Interview. [social_share style=“bar“ align=“horizontal“ heading_align=“inline“ facebook=“1″ twitter=“1″ google_plus=“1″ linkedin=“1″ pinterest=“1″ /]

Das Interview führte Holger von Jouanne-Diedrich

 

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